Entwicklungspsychologie

Was ist das Kultivationsprinzip?

G. Simmel unterscheidet zwischen objektive und subjektive Kultur (diese unterscheidung ist essentiell)

Objektive Kultur ist das was von außen auf uns zukommt, der distale Reiz. Entwickelnden Menschen können durch Erkenntnis alles "auf uns zukommende" in subjektive Kultur umsetzen. Das ist ein Prozess der KULTIVATION.

Ohne Kultur bleibt menschliche Entwicklung "stecken", kann niemals ihre Potenziale voll ausschöpfen. In einem Prozess der Kultivation jedoch – Simmel zeigt dies an der Kultivierung eines Obstbaumes – kann der Mensch zu etwas werden, was er allein nicht zu werden vermag.

Kultivation ist ein wechselseitiger Prozess: Über die Kultivation der Welt, der Dinge, kultivieren wir uns selbst...

Sie haben die Beziehung zwischen objektiver und subjektiver Kultur richtig erkannt: Objektive Kultur "bewirkt" nichts, d.h. sie trägt nichts zur Entwicklung einer Person bei, wenn sie nicht in subjektive Kultur umgewandelt wird.
Ausschlaggebend für Kultivation ist, dass die jeweilige (objektive) kulturelle Erfahrung an die persönliche Entwicklung angebunden wird. Einer Erfahrung "einen subjektiven persönlichen Wert" beizumessen, gehört zwar dazu, reicht aber allein noch nicht aus.

Ein Beispiel hierzu:

Situation:
Sie haben ein "Leben auf der Überholspur" geführt, waren karriereorientiert, hart, rücksichtslos gegen sich selbst und andere. Eines Tages verlässt Sie Ihre Familie, von der Sie sich immer mehr entfremdet haben. Dies trifft Sie sehr, zur Bewältigung der Situation stürzen Sie sich nun noch tiefer in Arbeit und Leistungsdruck. Als Sie nach einem weiteren halben Jahr einen schweren Herzinfarkt erleiden, erkennen Sie, dass es so nicht mehr weiter gehen kann. Sie müssen Ihr Leben - und somit sich selbst - grundlegend ändern.
In der Klinik fällt Ihnen ein Buch über Buddhismus in die Hände, das Sie lesen. Sie hören sich Reden des Dalai Lama an. Tief beeindruckt entschließen Sie sich zu einem Retreat in einem tibetischen Kloster. Ein Jahr lang verweilen Sie dort, bevor Sie wieder nach Hause zurückkehren.

Objektive Kultur ist in diesem Beispiel das buddhistische Leben um Sie herum: die friedfertige Einstellung der Mönche/Nonnen, das Gedankengut, die Meditationen und spirituellen Übungen usw.
Ausschließlich ein Verweilen im Kloster führt aber noch zu keiner Kultivation. Sie könnten mittendrin sein, die Einstellung der Menschen bewundern, dem Unterricht zuhören - ohne sich zu entwickeln.

Überführung in subjektive Kultur:
Sie können sich selbst mit den hier gezeigten Idealen und Zielen verbinden. Sie machen sich Haltung und Einstellung der Mönche/Nonnen zu eigen, Sie passen Ihre Wertvorstellungen an, Sie lernen, Sie lassen sich bewegen und berühren (Anbindung an die persönliche Entwicklung). Nun haben Sie die objektive Kultur um sich herum zu einer subjektiven kultiviert - und sich selbst ein Stück verändert (entwickelt).

 

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