Kognitions- und Emotionspsychologie II

Kapitel 7

7.4 Modelle unbewussten Sehens
 
V1: Bewusstes oder unbewusstes Sehen? KLÄRENDE MÖGLICHKEITEN (2)
Vorwärtsverarbeitung und Rückprojektion im kortikalen visuellen System

Lamme und Roelfsema (2000): Vorschlag zu Lösung des Widerspruchs
 
Nachweis, dass sich das Antwortverhalten von V1-Zellen über die Zeit ändert!
 
- Unterhalb 100 ms nach Reizbeginn:
visuelle Aktivität in V1, die durch retino-geniculate Projektion hervorgerufen wird.
 
- Ab 100ms nach Reizbeginn:
Aktivität von V1 Neuronen scheint nicht länger nur durch den Input aus dem LGN, sondern zunehmend auch durch die Rückprojektionwn von weiter anterior (vorne) gelegenen Cortex-Arealen beeinflusst.
 
Zwei-Phasen-Modell der visuellen kortikalen Verarbeitung
  • Vorwärtsphase: bis ca 100 ms nach Beginn einer visuellen Stimulatoin ist bewusstseinunabhängig
    → Aktivierung durch visuellen Reiz läuft durch V1 nur in eine Richtung: von der Retina über LGN nach anterior
  • Rückprojektionsphase: es wird zunehmend auch die visuelle reizspezifische Aktivierung von den weiter frontal gelegenen Arealen des Cortex zu V1 zurückgeleitet.
    Phase ist (nach Lamme & Roelfsema) für das visuelle Bewusstsein des Betrachters verantwortlich.
 
Auflösung des Widerspruchs:
Unbewusste visuelle Verarbeitung in V1 (Milner & Goodale) beruht auf Vorwärtsverarbeitung.
Bewusstes Sheen durch V1 (Weiskranz et al) beruht hingegen auf V1 - Verarbeitung während der Rückprojektionsphase.
 
Hypothese Lamme & Roelfsema:
= im Einklang mit den rekurrenten (rückwärtsgerichteten) Verbindungen zwischen verschiedenen visuellen kortikalen Arealen sowie mit den rekurrenten Verbindungen zwischen visuellen und nicht-visuellen Hirnarealen. So projiziert V1  nach V2 , V4 und weiter nach IT, die alle weiter anterioir gelegen sind, und erhält Rückprojektionen aus diesen Arealen
 
Beleg der Theorie:
  • durch Patientendaten
  • durch visuelle Maskierung: experimentelle Prozedur zur Minderung der Beseitigung des bewussen Eindrucks eines visuellen Reizes, eines sog. Testreizes, durch einen zweiten visuellen Reiz, sog. Maske
    Im Einklang mit der Annahme, dass visuelles Bewusstsein durch V1 Aktivität bedingt wird, konnten Macknick & Livingstone bei einer Mehrkanalabteilung an V1 Neuronen von Affen belegen, dass Maskierung nicht nur die Sichtbarkeit minderte, sondern in V1 tatsächlich zu einer Reduktion der Zellantworten auf maskierte Testreize führte

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