Kirchler: Arbeits- & Organisationspsychologie

2/2 Bewertung der Arbeit

Messung der Arbeitszufriedenheit - Problematik der Zufriedenheitsmessung - Fehlerquellen nach Kirchler (2000)

Die Problematik der Messung der Erfahrungen mit d. Arbeit ergibt sich aus mehreren Fehlerquellen: 
  1. Subjektivität der Realität: Personen beurteilen Aspekte der Arbeit nicht nur unterschiedlich, sie nehmen ihre Umwelt auch unterschiedlich wahr und berichten dieselben Erfahrungen auf unterschiedliche Weise. In Studien zu Haushaltsentscheidungen etwa schildern Partner auch nach langen Jahren des Zusammenlebens gemeinsame Erfahrungen unterschiedlich (nur 2/3 Übereinstimmung). Erfahrungen in bestimmten Situationen, Prozesse und Ergebnisse werden subjektiv (re)konstruiert.

  2. Subjektive Strukturen: der Alltag ist komplex und wird von Personen auf deren subjektive Weise kognitiv strukturiert. Fragebögen schränken die Möglichkeit zur subjektiven Strukturierung der Wirklichkeit ein (Art der Fragen, Differenziertheitsgrad und vorgegeben Antwortalternativen).

  3. Soziale Erwünschtheit: Vielfach werden in den Sozialwissenschaften Themen erfragt, zu denen es sozial erwünschte Antworten gibt. Sozial erwünscht ist es etwa, mit dem Leben (zB Ehe) und der Arbeit zufrieden zu sein.

  4. Banale Ereignisse und Stereotype: über wichtige, bedeutungshaltige  Ereignisse kann leichter (präziser) Auskunft gegeben werden. Geht es um banale Ereignisse (werden oft abgefragt), greift man öfter auf soziale Stereotype zurück.

  5. Verfügbarkeitsheuristik: die Häufigkeit auffälliger Ereignisse wird auf Kosten weniger auffälliger Ereignisse überschätzt, da diese leichter verfügbar sind. Erinnerungen sind aber nicht nur von der Darbietungshäufigkeit abhängig, sondern auch von zB Verarbeitungstiefe → Verfügbarkeitsheuristik kann daher zu Fehlurteilen und zur Überschätzung der Häufigkeit auffälliger Ereignisse führen

  6. Rekonstruktion und Rationalisierung: Berichte aus der Vergangenheit → selbst intensive Gefühle können in der Rückschau als ‚kalte Kognitionen’ erlebt werden und die Intensität von Situationen ist vergessen. Vergangene Ereignisse werden bei der Beantwortung nicht erinnert sondern neu konstruiert (rationalisiert), damit der Ablauf des Geschehens logisch kohärent und die Bewertung mit dem aktuellen Verhalten stimmig ist.

  7. Präferenzinstabilität: Menschen sind kaum in der Lage anzugeben, was sie in der Vergangenheit bevorzugt haben/in Zukunft bevorzugen.
    Auf Basis der Erinnerungen werden gegenwärtige Alternativen in Hinblick auf zukünftige Wünsche bewertet
    → nach Kahnemann (1994) werden Erfahrungen anhand der Spitzen-Ende-Regel bewertet (und nicht die gesamte Erfahrung in ihrer zeitlichen Dauer vom Beginn bis zum Ende in das Urteil einfließt). Es bleiben also nur Erfahrungshöhepunkte und das Ende in Erinnerung. Teilnehmer ziehen es vor, die Hände 90 Sekunden lang in Wasser zu halten, das während der letzten 30 Sekunden von 14° auf 15° erwärmt wird (aber 60 Sekunden bei 14° bleibt!), anstatt die Hände nur 60 Sekunden lang in 14° kaltes Wasser zu halten.

  8. Stimmung und Bewertung: Stimmungskongruente Erfahrungen werden besser erinnert als stimmungsinkongruente. Die aktuelle Stimmung ist nicht nur für Erinnerungsfehler verantwortlich, sondern wird selbst als Information gewertet, man schließt aus der aktuell guten Stimmung, dass man mit der Arbeit zufrieden ist (wenn Personen in pos. Stimmung erinnern sie sich eher an angenehme Ereignisse + aktuelle Stimmung wird als Informationsquelle genutzt, wenn es um die Bewertung von Ereignissen geht). Personen, die gerade 20 Cents auf einem Kopiergerät gefunden haben, berichten aktuell besseres Befinden sowie höhere Lebenszufriedenheit.

  9. Differenziertheit: in einem schönen Raum werden allgemeines Befinden und Lebenszufriedenheit höher eingestuft als in einem ungemütlichen. Aufgrund von Vergleichsprozessen ist aber die Zufriedenheit mit der eigenen Wohnstätte in einem ungemütlichen Raum höher als in gemütlichem.

  10. Spezifische versus globale Fragen: Spezifische Fragen laden zur Erinnerung an spezifische Ereignisse ein, globale zu globalen Antworten. Die Reihenfolge der Vorgabe von spezifischen und globalen Fragen kann die Antworten beeinflussen, da die vorherigen Fragen die folgenden beeinflussen.

  11. Antwortalternativen: Der Befragte muss innerhalb des vorgegebenen Rahmens antworten.
    → Differenziertheitsgrad der Antwortskalen führt zu unterschiedlichen Ergebnissen.
    → Bsp: Geschlechtsverkehr: 
    hochfrequente Skalen (mehrmals am Tag/ einmal am Tag/...) führen zu höheren Häufigkeitsangaben eines Verhaltens als niedrigfrequente Skalen (mehrmals in der Woche/ einmal in der Woche/ ...).

Diskussion