Gutachten

Beschreiben sie anhand des Beispiels „Familie in Tieren“ die projektiven Testverfahren und nehmen sie Stellung zur Auswertung und Interpretation.

Projektive Testverfahren: Bei projektiven Testverfahren werden dem Probanden mehrdeutige Reizmaterialien oder Aufgabensituationen zur Bearbeitung vorgegeben. Damit macht sich der Untersucher Entscheidungen zu Nutze, die ein Proband in einer sehr variablen/ offenen Aufgabe trifft und deutet diese.

Familie in Tieren:

  • Bei dem Test „Familie in Tieren“ handelt es sich um einen projektiven Zeichentest, der Einblicke in die familiäre Struktur und Interaktion sowie mögliche Konflikte geben soll.
  • Durchführung: Das Kind wird aufgefordert, seine Familie (jedes Familienmitglied und sich selbst) als Tiere zeichnen. Dabei werden keine genauen Angaben zur Durchführung und zum Material gegeben (mehrdeutige, offene Aufgabensituation).
  • Auswertung und Interpretation erfolgen anhand einer …
  • inhaltlichen Analyse: z.B. Anordnung der Familienmitglieder, Reihenfolge der Familienmitglieder, Wahl der Tiere (Charaktereigenschaften werden auf Familienmitglieder „projiziert“), Größe der Tiere, Besonderheiten wie Farbe oder fehlende/ zusätzliche Familienmitglieder
  • formalen Analyse: Strichcharakter (druckstarker Strich = Durchsetzungskraft; breiter Strich = Kontaktfreudigkeit); Strichführung (elastischer Strich = Selbstbehauptung; durchgezogener Strich = Selbstsicherheit; abgesetzter Strich = Selbstkritik); Flächenbehandlung (Konturen, Schattierungen/ Schwärzung, Schraffierungen); Formbehandlung (große Formen = Begeisterungsfähigkeit vs. Zerstreutheit, kleine Formen = Unsicherheit)

Stellungnahme:

  • Die Autorin reflektiert den kognitiven Prozess des Zustandekommens der Interpretation durch den Untersucher nicht. Dementsprechend werden psychologische Erkenntnisse über die Einflussfaktoren der sozialen Wahrnehmung und Urteilsbildung ignoriert, die die Interpretation erheblich beeinflussen können. Insbesondere die durch Vorinformationen (Gespräche mit Eltern, Kind) geprägten Erwartungshaltungen können die Interpretation beeinflussen.
  • „Familie in Tieren“ erfüllt aufgrund der inhaltlichen subjektiven, ausschließlich auf Intuition beruhenden Analyse und der formalen grafologischen Analyse (diagnostische Leistungsfähigkeit widerlegt!), die Mindestanforderungen an Objektivität, Reliabilität und Validität Deshalb ist davon abzuraten, aufgrund der Ergebnisse der inhaltlichen und formalen Analyse eine Entscheidung über das Kind und seine Eltern zu treffen.
  • unklar, ob die Zeichnung des Kindes die aktuelle Familiensituation darstellen soll oder die Wunschsituation
  • unklar, ob ein Kind die Eigenschaften eines Tieres (des Familienmitglieds) als positiv (Löwe = stark, beschützend) oder negativ (Löwe = aggressiv, dominant) empfindet.
  • Weiterhin liegt eine Normierungsproblematik vor, indem die genutzte Liste mit Charaktereigenschaften der Tiere für die Interpretation veraltet ist.
  • Abgesehen von den vielen Schwächen des Verfahrens, kann die Aufforderung an das Kind, seine Familie zu zeichnen, die Kontaktaufnahme erleichtern, die Motivation zur Zusammenarbeit fördern, die Artikulation erleichtern und als Grundlage für ein Gespräch
  • Auch können projektive Verfahren – wie „Familie in Tieren“ zur Hypothesengenerierung genutzt werden. Zur Hypothesenüberprüfung sollten allerdings psychometrische Testverfahren verwendet werden!

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